Der deutsche Fansub ist tot. Der deutsche Fansub bleibt tot. Und wir haben ihn getötet.

So sehe ich das zumindest. Vermutlich werden mir da einige widersprechen und andere werden sich fragen: „Was zum Geier ist bitte ein ‚Fansub‘?“

Ein Relikt aus alter Zeit oder eine noch blühende Sub-Szene innerhalb der großen, bunten Anime-Szene? Ich für meinen Teil möchte in diesem Beitrag 11 Jahre Fansubber-Dasein Revue passieren lassen.

Was ist überhaupt ein Fansub?

Als Fansub bezeichnet man die Untertitel, die Fans unbezahlt und in ihrer Freizeit für Serien oder Filme anfertigen. Typischerweise sind damit meist Animes gemeint. Die Motive, solche Fansubs anzufertigen, sind ganz unterschiedlich.
Der ursprüngliche Gedanke deutscher Fansubber entspringt der Liebe zum Anime und dem Wunsch, die Serien im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen, sodass man für den Nischenmarkt ‚Anime‘ eine größere Käuferschaft aufbauen kann.
Fansubbing ist illegal. Man spricht gerne von einer Grauzone, weil nie gegen einen deutschen Fansubber geklagt wurde. Aber letzten Endes hat ein jeder Fansubber zumindest gegen Copyrights verstoßen und wäre damit verklagbar. Insbesondere wenn er durch seine Arbeit Geld generiert (z.B. über Werbeeinnahmen).
Bislang gab es nur Bestrebungen gegen illegale Streaming-Portale auf rechtlichem Wege vorzugehen. Der Erfolg ist nur so mittelprächtig, weil sich besagte Portale oft auf ausländischen Servern befinden, die für die hiesigen Publisher kaum angreifbar sind oder eine Verfolgung einfach zu teuer wäre.

Mein bescheidener Anfang

© Genco – Meine erste Serie, bei dessen Fansub ich mitgeholfen habe: Hitohira. Die Serie ist bis heute nicht in DACH lizenziert worden.

Als ich das Fansubbing im Jahr 2006 entdeckte, steckte es schon nicht einmal mehr in den Kinderschuhen. Ich war Zuschauer und Nutznießer einer Szene, die in ihrer Freizeit Untertitel für Anime anfertigte.
Irgendwann fasste ich den Entschluss, mich einer Gruppe anzuschließen und blieb dort bis heute kleben. Ich verfügte über passable Schulenglischkenntnisse und eine ganz brauchbare deutsche Rechtschreibung. Dass das kaum reicht, um einen halbwegs anständigen Fansub hinzukriegen, wurde mir sehr schnell klar.
Ich investierte viel Zeit in dieses Hobby und fand in der Szene viele Freunde. Manche Freundschaften halten noch bis heute an.
Am Anfang war ich echt schlecht und das Gedisse anderer Fansubber blieb mir nicht erspart.

Man kann Fansubber übrigens in zwei Kategorien aufteilen:

  1. Kodextreu: Diese Fansubber subben nur Serien, die noch nicht in DACH lizenziert sind.
  2. Nicht kodextreu: Diese Fansubber subben einfach alles, worauf sie Lust haben.

Ich gehöre übrigens nach wie vor der ersteren Gruppe an. Beide Gruppen waren sich nicht unbedingt ganz grün und das wird wohl auch nie passieren. Manchmal eskalierte es in Flamewars oder Getrolle, aber meistens lebte man friedlich aneinander vorbei. Tatsächlich sind die Streitigkeiten unter den Gruppen im Allgemeinen fast schon das Unterhaltsamste am Fansubbing, zumindest rückblickend betrachtet. Heute streite ich mich zumindest mit niemandem mehr. Vielleicht bin ich auch mittlerweile zu alt dafür. Oder aber es gibt niemanden mehr zum Streiten?

Vor 10 Jahren kämpfte man auf den Fansub-Übersichtsseiten um einen Platz unter den neuesten Releases und wenn man nicht dort gelistet war, dann zumindest um die Gunst der Leecher. An manchen Tagen musste man schon fürchten, dass man noch am selben Tag wieder aus der Übersichtsliste verdrängt wird.
Für den Anime-Fan gab es also ein regelrechtes Überangebot an Fansubs. Der Anime-Markt war hierzulande noch relativ klein und insbesondere brandaktuelle Serien, für die sich die Zuschauerschaft am meisten interessierte, waren selten sofort lizenziert.
So ziemlich jede Serie wurde gesubbt, zur Not auch mehrfach von verschiedenen Gruppen. Das führte natürlich zu Reibereien.
Downloads per Torrent, IRC und DDL waren angesagt und knackten locker vier- oder fünf-stellige Bereiche. Das waren die fetten Jahre des deutschen Fansubs.

Der Aufstieg des Streamings

Ein paar Jahre, nachdem ich mit dem Fansubbing selbst angefangen hatte, entwickelte sich ein Trend vom Download zum Streaming hin. Im legalen Bereich war das noch gar keine so große Sache, aber im illegalen Bereich boomten die Streaming-Portale, die die Leute mit ihrem riesigen Angebot lockten.
Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die Fansubs landeten allesamt auf diesen Portalen und anstatt sich die Videos noch selbst herunterzuladen, gingen die Fans auf die großen Streaming-Portale, wo sie mit ihrem Stuff versorgt worden.
Für den Fansub sollte das der Anfang vom Ende sein.
Warum, fragt ihr euch?
Die Downloadzahlen gingen dadurch bei den Fansubgruppen rapide zurück, da die Nutzer nun zu den Streaming-Seiten abwanderten.
Wenn ich eine Sache in dieser Zeit gelernt habe, dann dass es solche und solche Fansubber gibt. Die einen tun es aus Liebe zum Anime oder weil sie einfach Spaß daran haben und die anderen für Klickzahlen und ihren E-Penis. Letztere warfen mit der Zeit das Handtuch, weil sie ihre Bemühungen als sinnlos erachteten, oder schlossen sich den Streaming-Seiten an.
So ärgerlich, wie ich selbst den Aufstieg der Streming-Seiten empfand, es hat mich nicht vom Fansubbing abgehalten.
Das Problem am Streaming war und ist es auch noch heute, dass diese Portale ALLES sammeln und es auch nie wieder rausrücken. Gerade als kodextreuer Subber betrachtete man diese Seiten mit Argwohn. Wenn eine Serie letzten Endes lizenziert wird, kann man zwar auf der eigenen Seite die Verteilung einstellen, doch auf der Streaming-Seite mit tausenden Zuschauern wird sie für immer abrufbar bleiben.
Es ist an dieser Stelle schwer zu sagen, ob die Zunahme der deutschsprachigen Lizenzen durch die rege Fansubber-Gemeinschaft oder die Streaming-Portale ausgelöst wurde. Die Wiege der Begeisterung für Anime liegt auf jeden Fall im TV-Programm mit Dragon Ball, Sailor Moon und Co. Fansubs waren allenfalls eine Verbreiterung des Spektrums, die durch die Streaming-Portale erst richtig in Umlauf geraten ist.

Crunchyroll betritt den deutschen Markt

Quelle: https://www.chinurarete-subs.org/frontend/article.php?art_id=241

Wir schreiben das Jahr 2014. Die deutschen Anime-Disk-Publisher lizenzieren immer stärker, auch aktuelle Titel. AoD und peppermint anime bieten auf ihren eigenen Plattformen Streamings mit Simulcast-Titeln an. Dennoch ist die Koexistenz mit den Fansubbern stabil. Es gibt immer noch genug neue und alte Titel zu subben, wenn man dem Kodex treu sein möchte.
Es ist allerdings ein Rückgang der Anzahl der Fansubgruppen deutlich zu merken, Neuzugänge werden immer schwieriger zu finden.
Nichtsdestotrotz läuft in der Fansubber-Szene noch alles einigermaßen rund.
Schließlich verkündet Crunchyroll seinen offiziellen Vorstoß auf den deutschsprachigen Markt mit deutschen Untertiteln. Obwohl schon AoD und peppermint anime mit Simulcast-Streams den Fansubbern eine Konkurrenz waren, wird einzig und allein Crunchyroll von vielen Fansubbern als Gefahr wahrgenommen.
Kein Wunder. Bislang konnte man bis auf ein paar Maßnahmen alles subben und immer noch behaupten, man sei dem Kodex treu. Doch mit einem Schlag schrumpfte die Anzahl der unlizenzierten Titel auf eine Hand voll Serien, die zumeist auch noch eher uninteressant waren.
Ich selbst war zu Beginn auch nicht begeistert, allerdings war für mich klar, dass eine Lizenz nun mal eine Lizenz ist und ich nur aus Eitelkeit nicht meine Überzeugungen, die ich Jahre lang hochgehalten habe, auf einmal über Bord werfe.
Und so kam es wohl zum größten Aufschrei in der Szene, den ich jemals mitbekommen habe.
Die Fansubber, die noch einen Tag zuvor behaupteten, sie würden die Lizenzen achten, lehnten Crunchyroll als Publisher ab.
Die Ausreden, warum man Crunchyroll-Lizenzen nicht beachten muss, waren wirklich äußerst kreativ. Diese Ausreden wurden später auch für Viewster-Lizenzen und heute noch für Amazon- und Netflix-Lizenzen genutzt. Hier ein Best-of:

„Crunchyroll hat keinen Firmensitz in DACH.“

Stimmt. Aber das ändert doch nichts daran, dass Crunchyroll die Lizenz hat und somit die Möglichkeit, euch alle zu verklagen.

„Die Qualität der Crunchyroll-Untertitel ist grauenhaft.“

Zu Beginn waren die Deadlines wohl ziemlich hart und dementsprechend sahen auch die Untertitel aus. Man wollte immerhin mit möglichst vielen Titeln an den Start gehen und diese möglichst zeitnah präsentieren. Bis heute hat sich die Qualität der Untertitel immens gesteigert.
Einen Vorteil hat Crunchyroll zumindest gegenüber 90% der Fansubber: Sie übersetzen überwiegend aus dem Japanischen. Damit dürfte das Risiko auf Übersetzungsfehler geringer sein.

„In diesen Untertiteln steckt keine Liebe.“

Ein Argument, das man grundsätzlich bei Auftragsarbeiten anbringt. Aber sollte dieser Kritikpunkt dann nicht auch für die anderen Publisher gelten? Offenbar nicht.
Umso erstaunlicher ist dieser Kritikpunkt eigentlich, dass ein guter Teil vom Crunchyroll-Team aus (ehemaligen) deutschen Fansubbern besteht, die eigentlich namhaft innerhalb der Szene sind/waren.
Natürlich können sich die Leute ihre Serien nicht mehr wie beim Fansub aussuchen, aber wer glaubt, dass man als Fansubber immer nur das gesubbt hat, worauf man Lust hatte, der irrt gewaltig. Wenn ich bedenke, wie oft ich befreundeten Fansubbern bei ihren Projektleichen geholfen habe, die mir so gar nicht gefielen, dann fällt mir zu diesem Kritikpunkt eigentlich nichts mehr weiter ein.

„Da sind überhaupt keine Karaoke-FXe und aufwändigen Typesets drin.“

Stimmt. So wie bei jedem Disk-Publisher auch.

„Streaming-Lizenzen zählen nicht!“

Tatsächlich werden eher selten „nur“ Streaming-Lizenzen gekauft. Es stimmt zwar, dass Crunchyroll selbst keine Disks veröffentlicht, aber die Disk-Rechte weitergibt, so wie z.B. bei Free! oder Testament of Sister New Devil. Ich verstehe aber nicht, warum Streaming-Lizenzen an sich nicht zählen. Mit Streaming macht man vermutlich sogar mehr Geld als mit Disks, was diese Lizenzen sogar teurer gestalten dürte als Disk-Rechte. (Danke für den Hinweis von Sorata, dass Streaming-Lizenzen günstiger sind als Disk-Lizenzn. Das wusste ich noch nicht.)

Und zum Schluss mein absoluter Favorit:

„Die Bildqualität ist total schlecht.“

Dann frage ich mich aber, warum soooooo viele Fansubber mit Crunchyroll-Rips arbeiten, ja sogar von den englischen Crunchyroll-Subs übersetzen. Na gut, vielleicht bessern sie beim Encoding nach, aber spätestens wenn der prächtige Encode dann auf einem der drölftausend illegalen Streaming-Seiten gelandet ist, sieht das Video wieder kacke aus.
Für das beste Bild müsste man auf einen Blu-Ray-Release warten, aber dazu sind die meisten leider nicht bereit.

Schließlich gingen die meisten Gruppen dazu über, sämtliche Crunchyroll-Lizenzen zu ignorieren und diese als „ungültig“ abzustempeln. Andere Publisher wurden aber weiterhin beachtet. Über diese Doppelmoral lache ich mich noch heute kaputt.

Das Sterben der Szene

Das Sterben der Szene begann schon früh mit den Streaming-Portalen und nahm mit der flächendeckenden Lizenzierung der neuesten Titel schließlich an Fahrt auf. Mittlerweile mischen selbst Amazon und Netflix auf dem Markt mit (deren Lizenzen werden gerne aus Bequemlichkeit auch mal von Fansubbern ignoriert).
Dabei sollte man doch als Fansubber eigentlich froh sein über diese Entwicklung.
Ich zumindest bin es.
Letzten Endes war es doch immer das angestrebte Ziel, Animes so bekannt zu machen, dass die Industrie immer weiter wachsen kann. Menschen können von der Arbeit rundum Anime auch in Deutschland leben, sie können davon ihre Miete zahlen und ihre Familien ernähren.
Leider genügt das gewissen Fansubbern nicht. Sie verstecken sich hinter Ausreden wie „Ich subbe das, worauf ich Lust habe!“. Ein Argument, das nicht widerlegbar ist. Sie machen es ja freiwillig, aber indem sie gegen die hiesigen Publisher arbeiten, verringern sie deren Wachstum.
Dabei gibt es noch so viele alte Serien, die noch keinen Sub erhalten haben und vermutlich niemals lizenziert werden. Wieso sucht man sich nicht davon eine Serie aus, die man mag? Weil es dafür eben keine Klicks gibt.
Und so degeneriert der deutsche Fansub zu einem Haufen kleiner Kinder, die sich ihr Spielzeug nicht wegnehmen lassen wollen. In dieser Form hat der deutsche Fansub keine Zukunft und das soll er auch nicht, denn er hat ausgedient.
Ich für meinen Teil amüsiere mich nun mit alten, unlizenzierten Klassikern wie Dirty Pair oder noch unlizenzierten Serien wie Aria, die neueren Datums sind. Mein Bedürfnis, die allerneuesten Serien zu subben, ist gleich null, denn ich weiß, man kann sie legal auf AoD, Wakanim, Netflix, Amazon oder Crunchyroll schauen. Watchbox bietet ebenfalls ein großes Angebot und auf Pro7Maxx hat der Anime wieder einen Platz im deutschen Fernsehen gefunden.
Neue Filme laufen bei Kino-Events und auf Disk erscheinen gleich mehrere Serien im Monat von den verschiedensten Publishern, u.a. Kazé, peppermint anime, Universum, KSM, Anime House, FilmConfect und Animoon.
Wieso also sollte ich dieser florierenden Industrie schaden wollen, indem ich ihre Serien subbe, nur weil ich „gerade Lust draufhabe“? Die Frage ist natürlich, inwiefern der deutsche Fansub tatsächlich einen Schaden darstellt. Mich zumindest würde es nerven, wenn ich für viel Geld eine Lizenz kaufe und dann so ein paar Vögel davon Fansubs im Netz verbreiten.


Ich möchte abschließend noch einmal betonen, dass dies meine subjektive Sicht der Dinge ist, wie ich den Wandel in der deutschen Fansubszene wahrgenommen habe und wie ich die Szene derzeitig wahrnehme. Ich stand dabei auf der Seite der Fansubber und arbeite nun selbst für einen Publisher.
Vielleicht konnte ich euch hiermit ein paar Dinge näherbringen, vielleicht widersprecht ihr mir auch in allen Punkten. Das könnt ihr ja gerne sachlich in den Kommentaren äußern.

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